In diesem Blog...
...teile ich Infos, Ideen und Erfahrungen zu Gewaltfreier Kommunikation, über Trauma und Therapie.
Nachrichten, Feedback, Resonanz... sind willkommen!
Das Prinzip Leben
Was brauch ich? Was brauchst du? Und wie stellen wir es an, daß alle zufrieden sind?
So organisiert sich die Natur. Ökonomisch, gut für alle und sinnvoll fürs Ganze!
Während wir... erst mal fragen:
Darf ich das? Ist das erlaubt?
Gehört der oder die... zu uns?
Was bringt mir das?
Bin ich überhaupt zuständig?
Und was sagen die Nachbarn?
(Seufz!)
So kommen wir, klar, nie auf einen grünen Zweig!! 🙁
Gleichwürdig verständigen
Ich denke, ja. Wir können das auch. Tun es sogar längst!
Kennt ihr solche Momente: mit Kindern, unter Freunden, mit guten Kolleginnen...
Wenn alles leicht geht, wie von selbst was Schönes entsteht - weil niemand sich erhebt über die anderen?
Das Prinzip "Unterdrückung"
... existiert seit Tausenden von Jahren. Es hat unermeßliches Leid verursacht... und ist bis heute aktiv an allen Ecken und Enden. In krassen Einkommens-Unterschieden zum Beispiel. In Zerstörung der Natur durch unbegrenzte Technisierung und Raffgier. Und auch in unserem Denken!
"Ich muß, ich soll, man darf nicht..."
"Ist nicht so wichtig"
"Stell dich nicht an!"
Vorschriften und Verbote gehören dazu. Bestrafen, Belohnen, Stempel und Schubladen...
Kommunikation von oben nach unten. Einbahnstraße!
(Das Prinzip Unterdrückung in einer Skizze)
Unterdrückung beruht auf der Einteilung in Klassen: Die einen werden erhoben, die anderen erniedrigt - ihre Bedürfnisse zählen nicht! 🙁
Und was nun?
Ich denke, das Gegenteil von Chaos und Gewalt ist Kultur! Eine Kultur, in der die Bedürfnisse aller geachtet werden. So wie es in vielen Dörfern der Welt selbstverständlich geschah und geschieht.
Aber... wie soll das gehen? Wir können doch nicht alle machen was wir wollen? Wir brauchen Anreize! Sonst würde ja niemand...
Rutger Bregman meint: Doch. Wir Menschen sind im Grunde gut. Wir tragen gern bei zum Wohl anderer - wenn wir es freiwillig und selbstbestimmt tun dürfen. Vorschriften, Verbote und Forderungen dagegen kommen schmerzhaft an. Sie behindern uns in dem feinen Prozeß der Abstimmung - in uns selbst und mit unserer Umgebung.
Und... was, wenn die anderen nicht mitmachen?
ich bin nicht perfekt. ich bin vollkommen!
tue was ich kann - und das kommt gut an.
frida
Gefühle und Bedürfnisse
Wußtest du, daß Empfindungen und Gefühle immer zu einem Bedürfnis gehören?
Sie zeigen zuverlässig an, wenn was zu viel ist oder fehlt. 🙂
Indem wir unser Gefühl mit dem Bedürfnis verbinden zu dem es gehört, können wir es geradewegs äußern, ohne andere dafür verantwortlich zu machen.
Gewaltfrei schreien
Das Schöne ist: wir müssen nichts erfinden. Nur ablesen, was schon da ist - was wir gerade denken, fühlen, brauchen. Und die Veranwortung dafür übernehmen, daß das unsere Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse sind. Zum Beispiel so:
"Ich denke, ich wurde im Stich gelassen. Und bin sauer: ich brauche Verlässlichkeit!"
"Bin traurig - weil ich auch will mitspielen will."
Manchmal kann es sogar helfen, heiße Situationen zu entschärfen:
"Wenn ich das Messer in deiner Hand sehe, denk ich, es könnte jemand verletzt werden. Und dann wird mir mulmig, weil ich will, daß wir alle unversehrt bleiben."
Doch wer Schmerzen hat, kann gar nicht zuhören. Darum gehen wir immer dahin zuerst, wo der Schmerz am Größten ist: "Bist du unsagbar wütend, weil du brauchst daß deine Würde geachtet wird - wie die aller anderen Menschen?"
Und nicht immer bleibt Zeit für Worte...
Macht einsetzen: zum Schutz oder zur Strafe?
Marshall Rosenberg unterschied den bestrafenden Einsatz von Macht vom beschützenden.
Die Idee beim Bestrafen ist: Wir tun jemandem weh in dem Glauben, daß die Person davon "besser" wird. Das ist auch Gewalt. Gewalt erzeugt immer neue Gewalt. Außerdem wurde erwiesen: es funktioniert nicht!
Wenn wir dagegen ein kleines Kind kurzerhand von einer befahrenen Straße holen, setzen wir auch Macht ein. Das Ziel ist dann aber ausschließlich der Schutz.
Ich frag mich: Was für Wege werden wir finden, wenn wir die Idee des Bestrafens fallen lassen und uns statt dessen fragen: Wie können wir wirksamen Schutz herstellen?
Beispiel: Gewalt gegen Frauen
"A lei Maria da Penha" in Brasilien, eins der modernsten Gesetze zum Schutz von Frauen vor Gewalt, beruht auf diesem Prinzip:
Wenn körperliche Gewalt ausgeübt wird, dann darf die Polizei denjenigen mitnehmen, der das tut - und er bleibt bis zum Abschluß des Verfahrens in Haft! Auf diese Weise müssen Frauen nicht mit den Kindern fliehen in ein Frauenhaus in einer anderen Stadt, sie können in ihrem vertrauten Umfeld bleiben und ihrer Arbeit weiter nachgehen!!
Dabei geht es nicht darum, den Täter zu bestafen - sondern die Opfer zu schützen.
Marshall Rosenberg
Marshall Rosenberg wuchs in einem "Problemviertel" auf, in den 1940er Jahren am Stadtrand von Detroit. Er wurde gemobbt und verprügelt - für seinen jüdischen Nachnamen. Und er wurde Zeuge blutiger Auseinandersetzungen: In dieser Zeit versammelten sich Afroamerikanische Arbeiter, um für gleiche Rechte zu streiten. Die Polizei ging mit brutalster Gewalt gegen sie vor.
Bei Marshall`s Großmutter dagegen gab es keine Unterschiede, dort waren ALLE Kinder willkommen.
So erlebte er zwei Welten: die Welt der Gewalt, die zu Verwüstung und Stagnation führt.
Und die des Friedens, wo es Raum gibt für Austausch, Spielen, Lachen...
Gewaltfreie Kommunikation
Marshall suchte eine Antwort auf die Frage, wie wir solchen Frieden schaffen können. Und fand schließlich diese:
Aufhören Leute in Schubladen zu stecken, aufhören zu verurteilen... Statt dessen die Verantwortung übernehmen für das, was wir brauchen. Die Bedürfnisse anderer genauso achten wie die eigenen. So verständigt sich die Natur: selbstbestimmt und gleichwürdig.
Diesen Weg nannte er "non-violent communication" (wörtlich: verständigen ohne Gewalt zu tun) - ins Deutsche wurde es damals übertragen mit: Gewaltfreie Kommunikation (GFK).
Ich nenne es gern: "natürlich verständigen".
Marshall Rosenberg half Konflikte beilegen und lehrte in vielen Teilen der Erde. Die Zitate von ihm auf meinen Seiten stammen von einem workshop in München (DVD "Einführung in die Gewaltfreie Kommunikation" Jokers edition, Auditorium Netzwerk 2007).
Hier ist einer meiner Lieblings-Sprüche von ihm:
"Wenn mein Bauch voll ist, bin ich vielleicht satt. Aber mein Bedürfnis nach Nahrung ist nicht erfüllt, so lange so viele Menschen hungern."
Trauma
Unter "Trauma" verstehe ich ein extrem verstörendes Erlebnis, das nicht richtig verarbeitet wurde. Einzelnen Teile dieser Erfahrung liegen sozusagen "unverdaut" im sogenannten "heißen Gedächtnis" unseres Gehirns, dem Alarm-Zentrum.
Von dort aus können sie sich bemerkbar machen in Albträumen, in plötzlich einschießenden Bildern, Gedanken, heftigen Emotionen, in "Zuständen" wie Leere, Hochspannung, Ohnmacht...
Die gute Nachricht: das woran wir bei einem Trauma leiden, sind nur Erinnerungen! Sie können sich aber sehr real anfühlen.
... und Therapie
In einer Traumatherapie wird das Verarbeiten nachgeholt. Das braucht einen Rahmen, der sich sicher genug anfühlt. Die Schritte diesen Rahmen gemeinsam zu schaffen, gehören zur Phase der Stabilisierung.
Beim Verarbeiten setzt unser System die Bruchstücke des Geschehens zusammen und verknüpft sie mit "normalen" Erfahrungen. Mit EMDR bekommen wir davon nur teilweise etwas mit. (mehr zu EMDR)
Wenn dieser Prozeß abgeschlossen ist, wird das Ereignis im "kalten Gedächtnis" abgelegt - das ist auch das Sprachzentrum. Es kann nun in der Regel in Worte gefaßt werden und löst keine heftige Erregung mehr aus. Der allgemeine Streß-Pegel nimmt ab.
Diese Beschreibung eines typischen Ablaufs einer Therapie stellt kein Heilversprechen dar! Ein Heilversprechen kann und darf nicht gegeben werden.
EMDR
EMDR ist eine Therapieform die vor allem in der Traumatherapie angewendet wird, aber auch z.B. bei chronischen Schmerzen oder nach Schlaganfällen.
Francine Shapiro fand heraus, daß das Verarbeiten leichter und schneller geht, wenn gleichzeitig die beiden Körperhälften abwechselnd angeregt werden (= bilaterale Stimmulation).
Die geteilte Aufmerksamkeit (außen und innen) verhindert ein Abgleiten in heftige emotionale Zustände.
Der Prozeß läuft auf einer vorbewußten Ebene: wir müssen nicht "alles noch mal durchleben", bekommen nur einzelne "Flitze" mit.
Bilaterale Stimmulation kann erfolgen, indem wir der Bewegung eines Gegenstandes mit den Augen folgen, oder über Töne im Wechsel auf das linke und rechte Ohr. Oder indem wir uns selbst leicht auf die Oberschenkel, Oberarme... klopfen.
(Artikel auf Englisch mit Links zu Studien.)
EMDR wird auch im Coaching eingesetzt, zum Beispiel um eine Entscheidung zu treffen, die eigenen Fähigkeiten wieder besser zu spüren oder sich selbst zu beruhigen, zu stabilsieren.
Mitfühlen mit mir selbst
Wenn unsere Gefühle unermeßlich erscheinen, "groß wie ein See"... dann könnten Bedürfnisse aus früher Kindheit betroffen sein, vielleicht sogar aus der Zeit im Bauch. Oft hilft es schon ein bißchen, wenn wir verstehen was wir damals gebraucht hätten und uns selbst damit annehmen: "Ich nehme mich an, wie ich bin, auch mit diesem immensen Verlangen... nach Verbindung und Halt."
Mehr-Generationen-Trauma
"Die Tränen die Eltern nicht weinen, müssen die Kinder mitweinen." (Quelle unbekannt)
Der Film "Der Fuchs" hat mich sehr berührt. Er handelt von einem Trauma, das wohl Teil jeder Familiengeschichte ist: Das Trauma der Armut.
Wir sehen jemanden zusammenzucken... und wir zucken zusammen. Wir sehen und hören jemanden sprechen und die gleichen Muskeln werden in uns aktiviert. ( Joachim Bauer: "Warum ich fühle was du fühlst" ) So können auch Traumata von Eltern oder Großeltern an Kinder weiter gegeben werden.
Als mein Vater 5 Jahre alt wurde, geschah der schreckliche Angriff auf Dresden, am 13. Februar 1945. Meine Oma lief danach jeden Tag zu ihrer Arbeitsstelle in Holzschuhen durch die ganze Stadt, vorbei an Toten, durch Trümmer. Sie war es auch, die mir von den jüdischen Familien erzählte, die abgeholt wurden. Daß alle es wußten: Es stand sogar in der Zeitung!
Kann es sein, daß diese unfaßbar grausamen Erfahrungen uns Dresdnerinnen heute noch in den Knochen stecken?
Meine Oma war nicht im BDM, weil sie, wie sie sagte, die Uniformen und das Geschrei nicht mochte. Hat aber, soweit ich weiß, danach nie mit dem Finger auf jemanden gezeigt.
Beschuldigen und bestrafen hilft nicht, sagt Marshall, genausowenig wie verbieten.
Ich bin ziemlich sicher: Wenn wir aufhören uns selbst und andere zu verdammen - erst dann werden wir frei, wirklich zu sehen was geschehen ist! Können mitfühlen, trauern... werden gemeinsam brauchbare Wege finden.
